Ein Archiv der alten Kulturen im Flora-Garten Striesen

Auch diese Samenprobe der Wachtelbohne "Jera" gehört zu Oberkoflers Archiv der alten Kulturpflanzen. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch diese Samenprobe der Wachtelbohne „Jera“ gehört zu Oberkoflers Archiv der alten Kulturpflanzen. Foto: Heiko Weckbrodt

Südtiroler Künstlerin Gabriela Oberkofler zeigt Freiluft-Ausstellung „Api étoile“ auf den Spuren halbvergessener Pflanzen im Kleingarten

Striesen, 28. April 2022. Die Flora-Kleingärtner haben wieder einmal ein Künstlerin eingeladen, ihre Sparte in Striesen zu verschönern. Und so hat – vermittelt durch das Kunsthaus Dresden – die Südtirolerin Gabriela Oberkofler nun die Giebelwand an der Gartengaststätte mit dem 16 Quadratmeter großen Kunstwerk „Myzel“ dauerhaft verziert und die Samen-Sonderausstellung „Api étoile – ein wachsendes Archiv“ auf der Kunstparzelle 3 eingerichtet. Beide Blickfänge sind vom Eingang an der Bergmannstraße aus frei und gratis zugänglich.

Gabriela Oberkofler vor dem von ihr geschaffenen Wandbild "Myzel" an der Spartengaststätte "El Horst" in der Kleingartensparte Flora in Dresden-Striesen. Foto: Heiko Weckbrodt

Gabriela Oberkofler vor dem von ihr geschaffenen Wandbild „Myzel“ an der Spartengaststätte „El Horst“ in der Kleingartensparte Flora I in Dresden-Striesen. Foto: Heiko Weckbrodt

Auf dem Mizel-Wandbild kommunizieren die Pflanzen

Auf dem Wandbild deutet Gabriela Oberkofler die riesigen Myzel-Netzwerke von Pilzen an, die sich in der Natur teils kilometerweit unter der Erde verflechten. Daneben steht bei ihr eine traurige Maispflanze, die ausgedörrt ihre Blätter hängen lässt. Und darunter wächst eine Erbsenpflanze zielgerichtet gen Wasser. „Auch Pflanzen kommunizieren“, will sie damit veranschaulichen.

Blick auf das Samenarchiv der Südtirolerin Künstlerin Gabriela Oberkofler. Foto: Heiko Weckbrodt

Blick auf das Samenarchiv der Südtirolerin Künstlerin Gabriela Oberkofler. Foto: Heiko Weckbrodt

Sonderschau „Api étoile“ zeigt 360 Pflanzensamen sowie Zeichnungen und Interviews

In der neuen Ausstellung im Garten Nummer 3 wiederum breitet die Südtirolerin eine Petrischalen-Sammlung mit 360 alten und teils halbvergessenen Kulturpflanzen aus. Daneben hängen „Pflanzenpalaver“-Zeichnungen, die das Grundthema des nahen Wandbildes reflektieren. Innerhalb des offenen Kunstpavillons in der Gartenmitte können die Besucher außerdem ihre Smartphones zücken und per QR-Punktecode Interviews mit Samen-Sammlern und Experten für alternative Landwirtschaft abrufen.

Zeichnung aus der Serie "Pfanzenpalaver" von Gabriela Oberkofler. Foto: Heiko Weckbrodt

Zeichnung aus der Serie „Pfanzenpalaver“ von Gabriela Oberkofler. Foto: Heiko Weckbrodt

Stadtbezirk schießt Geld für Kunst im Garten zu

Einen Teil der Kosten für die Kunst im Garten hat der Beirat Blasewitz aus seiner Stadtbezirkskasse gedeckt. „Sie machen hier eine tolle Arbeit“, lobte Stadtbezirks-Amtsleiter Christian Barth die Kleingärtner. „Sehr gut finde ich es, dass hier Kunst für alle frei zugänglich ist und nicht nur für die, die sich den Eintritt in ein Museum leisten können oder wollen.“

Diese Gartenparzelle Nr. 3 hat der Flora-Spartenvorstand extra für Kunstausstellungen reserviert. Foto: Heiko Weckbrodt

Diese Gartenparzelle Nr. 3 hat der Flora-Spartenvorstand extra für Kunstausstellungen reserviert. Foto: Heiko Weckbrodt

Südtirolerin plädiert für eine Renaissance alter Kulturpflanzen

Mit ihrer Schau auf der Parzelle 3 verbindet Gabriela Oberkofler ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Wiederentdeckung alter Kulturpflanzen: „Die Alblinsen oder auch bestimmte alte Weizenarten sind zum Beispiel sind für die schwäbische Alb viel besser geeignet als die Sorten, die heute dort angebaut werden“, argumentiert sie. „Deshalb erleben diese Nutzpflanzen jetzt auch so eine Hochkonjunktur in Baden-Württemberg. Solche alten Sorten sollten unbedingt erhalten und angepflanzt werden.“ Sie selbst will mit gutem Beispiel voran gehen und mit diesem Konzept demnächst einen eigenen Hof in 1500 Metern in Südtirol bewirtschaften.

Auch das gibt es bei den kultursinnigen Flora-Kleingärtnern: Statt Zigaretten spuckt dieser Automat Kunst aus. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch das gibt es bei den kultursinnigen Flora-Kleingärtnern: Statt Zigaretten spuckt dieser Automat Kunst aus. Foto: Heiko Weckbrodt

Womöglich auch ein Teil der Antwort auf Klimawandel und Lieferketten-Störungen?

Solch ein Appell, Samen aus aller Welt und auch alte Sorten in den Gärten und auf den Äckern zu säen, dürfte gerade inmitten der aktuellen Debatte um Klimawandel, Umweltschutz und notorische Lieferketten-Störungen auf fruchtbaren Boden fallen: Mit Blick auf das neue Waldsterben in Deutschland mehren sich im Forstsektor längst die Stimmen, die dafür plädieren, robustere Baumsorten in Mitteleuropa (wieder) heimisch zu machen. Anderseits gehören inzwischen neben exotischen Gewürzen und Gemüse ohnehin schon viele alte Getreidesorten zum Repertoire zahlreicher Bio- und Ökoläden. Nicht zuletzt haben die jüngsten Bratöl-Engpässe auch gezeigt, wie abhängig deutsche Supermärkte bei einigen Produktsegmenten letztlich von einigen wenigen Exporteuren sind. Auch von daher interessieren sich auch mittlerweile auch mehr Gärtner und Bauern für alte einheimische Pflanzen sowie für Kulturen, die auch chronisch heißeren Sommern standhalten.

„Flora“-Kleingärtner bauen bereits indische Gurken und alte Tomatensorten an

In Striesen hat man damit schon praktische Erfahrungen gesammelt: Die Flora-Kleingärtner bauen bereits seit geraumer Zeit auch Tomaten, Gurken und Mais an, die teils aus anderen Klimazonen stammen und teils eben alte Sorten sind, die über die Jahrzehnte und Jahrhunderte fast in Vergessenheit geraten sind. „Das ist ein echter Vorteil der Kleingärten“, erzählt Antje Krüger vom Spartenvorstand: „Hier gibt es Gemüse, das es sonst in kaum einem Laden zu kaufen gibt. Sie glauben zum Beispiel gar nicht, wieviel Gurken aus Indien hier mitten in Striesen wachsen. Oder wieviele Maissorten es gibt: rot, schwarz, weiß, blau…. Diese Pflanzenvielfalt sollten wir unbedingt erhalten.“

Kleingärtner: Gab oft gute Gründe, dass einige Gemüsesorten zu „alten Sorten“ wurden

Das sieht auch ihr Spartenkollege Sven-Karsten Kaiser so, warnt allerdings auch vor einem idealisierten Blick auf die Natur: Neue Sorten können eben auch neue gefräßige Insekten anlocken oder manche mitteleuropäische Kulturpflanzen verdrängen. Und: „Alte Sorten heißen alte Sorten, weil sie irgendwann mal aus nachvollziehbaren Gründen ausgemustert worden sind“, betont er und nennt auch Beispiele: „Blaue Kartoffelsorten zum Beispiel sind nun mal anfälliger für Kartoffelkäfer. Und manche alten Erdbeer-Sorten werden sie in keinem Laden finden, weil man sie nur direkt vom Beet ernten und essen kann. Schon beim Transport zu einer Sammelstelle werden sie matschig. Dies gilt auch für manche Tomaten mit sehr dünner Schale – die sind einfach nicht transportfähig.“ Vor solchen und ähnlichen Praxisproblemen dürfe der Gärtner und Bauer die Augen nicht verschließen, wenn eine Renaissance alter Sorten gelingen soll.

Kurzinfos – Kunstgarten ist bis spätabends geöffnet

Wer sich selbst ein Bild von solchen „alten Sorten“, deren künstlerischer Verarbeitung und den praktischen Züchtungserfolgen in Striesen machen will: Das Haupttor der Sparte „Flora I“ hat die Adresse Bergmannstraße 39 und ist für Besucher ganzjährig von 8 bis 23 Uhr geöffnet. Von dort sind es nur ein paar Schritte bis zur Kunstparzelle im Garten Nr. 3 zur Rechen und zum Spartenlokal „El Horst“ mit dem neuen Wandbild. Das Giebelbild bleibt dauerhaft an der Gaststätte, die Sonderschau „Api étoilé“ von Gabriela Oberkofler ist bis zum 4. September 2022 zu sehen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Termin, Gabriela Oberkofler, Kunsthaus Dresden, Flora I

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1 Antwort zu Ein Archiv der alten Kulturen im Flora-Garten Striesen

  1. Kaiser, Sven-Karsten sagt:

    Hallo Herr Weckbrodt,
    vielen Dank für den informativen und wohlwollenden Artikel. Im vorderen Teil ist von Flora 3 zu lesen, dabei handelte es sich jedoch um einen Versprecher des Moderators. Die „Flora I“ heißt in allen drei Anlagenteilen „Flora I“.
    Außerdem gab es bei den blauen Kartoffeln bestimmt noch mehr Gründe, warum sie sich bei den landwirtschaftlichen Großbetrieben nicht gegen die gelben Knollen durchgesetzt haben. Das die blauknolligen Kartoffelpflanzen bei den Kartoffelkäfern beliebt waren, war eine individuelle Beobachtung bei unseren Versuchspflanzungen.
    Freundliche Grüße
    Sven-Karsten Kaiser

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