
Um den östlichen Teil der Kipsdorfer Straße in Dresden-Tolkewitz zur Fahrradstraße umzubauen, will die Stadt eine Parkspur streichen. Das bringt Anwohner metaphorisch auf die Barrikaden. Foto: Heiko Weckbrodt
Scharfe Kritik in Dresden: Für Anwohner fällt jeder 2. Parkplatz weg
Tolkewitz, 25.06.26. Auf heftige Kritik sind erwartungsgemäß auf einer Bürgerversammlung im Schulkomplex Dresden-Tolkewitz die städtischen Pläne gestoßen, die „Radroute Ost“ bis eben dorthin zu verlängern. Vor allem ältere Anwohner stoßen sich daran, dass in diesem Zuge etwa jeder zweite Parkplatz auf der Kipsdorfer Straße wegfällt. Tenor: „Wo sollen wir dann parken? Wir sind nicht mehr die Jüngsten!“. Der knapp eine Million Euro teure Umbau beginnt im August und soll im März 2027 enden. Ab April soll die restliche „Kipsdorfer“ dann als Fahrradstraße ausgeschildert sein.
„Mir fällt das Laufen schon lange schwer. Ich kann nicht jedesmal vom Parkplatz am Schulcampus bis nach Hause gehen.“
Anwohnerin während der Bürgerversammlung
Pro und contra: Vorteile für Radler und Kinder, Nachteile für Anwohner
Dass die Radroute Ost letztlich vom Straßburger Platz bis zum Schulcampus Tolkewitz reichen soll, ist bereits lange bekannt. Die konkreten Auswirkungen spüren die Dresdner aber erst nach und nach: Für Radler ist die Fahrt vom Stadtzentrum gen Striesen und Tolkewitz (und umgekehrt) schneller, sicherer und komfortabler geworden. Daher hat auch der Radverkehr auf den bereits fertiggestellten Abschnitten der Radroute deutlich zugenommen. Auch für Kinder und Rollator-Fahrer hat sich die Situation an mehreren Knotenpunkten verbessert. Andererseits hat sich für viele Anwohner der Parkplatzmangel entlang der Route teils deutlich verschärft – und streckenweise benutzen auswärtige Autofahrer die Fahrradstraßen als schnelle Ausweichpiste.
So sieht das Fahrradstraßen-Modell in Dresden aus
Denn bei der Radroute Ost handelt es sich um eine Abfolge von Fahrradstraßen im Nebenstreckennetz. Dort haben Radler Vorfahrt. Das Tempo ist auf 30 limitiert und spezielle Türabstandslinien sollen Zusammenstöße von Radlern mit abrupt aufgerissenen Autotüren vermeiden. Die meisten Kreuzungen werden zu Gunsten „ausgebeulter“ Fußwege verkleinert. Damit aber Anwohner nicht ihre Straßenanbindung verlieren, dürfen auf Fahrradstraßen in Dresden per Zusatzschild auch Autos fahren.

So wie hier an der Ecke von Glashütter und Gottleubaer Straße verkleinern Bauarbeiter ab August 2026 fünf Kreuzungen auf der Kipsdorfer Straße, um die Radroute Ost zu verlängern. Foto: Heiko Weckbrodt
Leitlinie: Fahrradstraße soll mindestens viereinhalb Meter breit sein
Weil aber zu viele Autofahrer dies als Einladung missverstehen, die Fahrradstraßen wie Durchgangs-Autobahnen zu benutzen, hat die Stadt inzwischen zusätzlich auf der Laubestraße Einbahnstraßenschilder für Autos aufgestellt und mehrere Kreuzungen entlang der gesamten Route verkleinert. Schon dadurch sind bisher Dutzende Parkplätze weggefallen. Weitere Stellflächen hat die Stadt mit Blick auf Mindestbreiten für Fahrradstraßen, wie sie der Bund und der Freistaat Sachsen in Leitfäden beschrieben haben, entfernt.
DVB will 6 m breite Fahrbahn – auch für geplante Reaktivierung der „87“
Ähnliches droht nun auch auf dem letzten Abschnitt der Kipsdorfer Straße zwischen Altenberger Straße und dem Schulcampus Tolkewitz: Denn wenn die Autos wie bisher auf beiden Straßenseiten längst parken, bleiben nur noch 3,37 Meter Kernfahrbahn übrig – für eine sichere Begegnung zwischen Autos und Radlern auf beiden Seiten empfiehlt der sächsische Leitfaden aber für Fahrradstraßen eine Mindestbreite der Fahrbahn von 4,60 Meter. Und da auf der „Kipsdorfer“ auch die Buslinie 87 verkehrt, dringen die DVB sogar auf sechs Meter Breite, damit auch zwei Busse aneinander vorbeikommen. Die „87“ wurde zwar in diesem Jahr verkürzt und fährt nicht mehr bis Striesen. Die Verkehrsbetriebe haben aber laut Angaben der städtischen Planer deutlich gemacht, dass sie die alte Linienführung wiederherstellen wollen, wenn wieder genug Geld da ist. Unterm Strich fällt durch all diese Vorgaben und Wünsche auf der „Kipsdorfer“ eine ganze Straßenseite fürs Parken weg und damit 68 der 139 Parkplätze. Und das bringt eben vor allem viele Senioren in der Nachbarschaft auf die Barrikaden. Vor allem die wegfallenden Parkplätze vor ihren Häusern ärgern viele Anwohner.

Gut besucht: Die Stadt Dresden stellt ihre Pläne für die Radroute Ost auf dem Schulcampus Tolkewitz vor. Auf der Bürgerversammlung kochten die Emotionen zeitweise hoch. Foto: Heiko Weckbrodt
Planer sehen 10 % Stellplatzreserve
Die städtischen Planer wiederum argumentieren, dass auch nach dem Wegfall einer kompletten Parkspur die Stellflächen „nur“ zu 90 Prozent ausgelastet sein werden. Hinzu komme das Parkplatzangebot in den Nebenstraßen. Als Kompromiss will die Stadt womöglich über Nacht den Sporthallen-Parkplatz am Schulcampus für Anwohner freigeben. Zudem haben die Planer auf Bürgerwunsch hin versprochen, bei der benachbarten Friedhofsverwaltung anzuklopfen und zu fragen, ob die nicht ein paar freie Flächen fürs Parken freigeben könne.
Mehr Fußweg statt Kleintransporter: Für Kinder wird Schulweg sicherer
Andererseits: Eine klare Verbesserung ist die Verlängerung für Radler und vor allem auch für Schulkinder, die zur 44. Grundschule, zur 32. Oberschule oder zum Gymnasium Tolkewitz laufen oder radeln: Die Planer wollen alle fünf Kreuzungen auf dem Weg dorthin verkleinern, die Gehwege an diesen Punkten in die Kreuzungen hinein „ausbeulen“, die Fußwege dort absenken und Parken an den Ecken unterbinden. Das kostet auch wieder Parkplätze, verbessert aber drastisch die Übersicht über die Kreuzungen – deren Ecken heute noch oft von Wohnmobilen und Kleintransportern zugestellt werden. Der Umbau macht es vor allem für Kinder leichter, diese Kreuzungen gefahrenarm zu überqueren – das haben bisherige Kreuzungsverkleinerungen entlang der Radroute Ost deutlich gezeigt.
„Denken Sie nicht, dass die Vorfahrtsregeln auf der Fahrradstraße zusätzlichen Autoverkehr anziehen wird?“
Rhetorische Anwohner-Frage zur Bürgerversammlung
Stadt versucht Auto-Raser von den Fahrradstraßen zu vertreiben – mit mäßigem Erfolg
Nur wenig gemindert haben diese Umbauten freilich das Problem von Durchgangsverkehr, gefährlichen Fahrmanövern und Raserei durch rücksichtslose Autofahrer, obwohl die Stadt eben dies erwarten und versprochen hatte. Ein Hintergrund dafür: Die Stadt hat über die Jahre hinweg die Ostmagistrale – insbesondere Borsberg-, Schandauer, Wehlener und Österreicher Straße – im Zuge der Sanierung stark mit Ampeln bestückt und die ursprünglich vierspurige Straße an vielen Abschnitten schmaler gemacht. Seither benutzen viele Raser die Vorfahrtsreglungen der Radroute Ost, um die Ampeln der Hauptverkehrsachsen zu vermeiden. Anscheinend ist vielen Autofahrern auch nicht bewusst, dass sie 1,50 Meter Abstand halten müssen, um Fahrräder zu überholen und dass sie höchstens „30“ fahren dürfen – immer wieder rasen Autos mit dem doppelten Tempo über die Fahrradstraße, schneiden in unübersichtliche Kurven hinein, drängen Radler beim Linksabbiegen ab und dergleichen mehr. Ähnliche Wildwest-Verhältnisse drohen – das ahnen auch manche Anwohner – ab Frühjahr 2027 auch auf dem östlichen Teil der Kipsdorfer Straße.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: LHD, Einwohnerversammlung, Oiger-Archiv

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