
Szene aus aus „Behelfsomnibusse in Dresden im Einsatz“ (1919), Quelle: Sammlung Ernst Hirsch Dresden – SLUB Dresden, Depositum Museen der Stadt Dresden – Technische Sammlungen
Sonderausstellung zeigt „visuelles Gedächtnis“ der Stadt
Striesen/Stadtmitte, 1919/2026. Ein Jungspund stellt sich herausfordernd mitten auf die Pflastersteine des Pirnaischen Platzes. Die Hände hat er demonstrativ in die Hosentaschen gesteckt, das Käppi ins Genick geschoben. Hinter ihm zerren zwei Pferde eine Kutsche über Straßenbahngleise, als wollten sie den nahenden Sieg der stählernen Konkurrenz nicht wahrhaben…
Wenn aus trockenen Chroniken Menschen werden
Bilder wie diese, die jetzt in einer Sonderausstellung „Universum Dresden“ in den Technischen Sammlungen in Striesen zu sehen sind, muten wie eine Reise in eine Zeit an, die auf den ersten Blick weit, weit weg anmutet: Vor über 100 Jahren stand dieser Knabe da in Positur im Stadtzentrum. Sein Habitus, die Holzräder der Kutsche, der Mann mit dem altmodischen Hut, der da gerade aus dem Bild läuft – all dies wirkt erst mal fremd. Doch beim zweiten Blick beginnt die Imagination zu arbeiten: Sind der Steppke und der Junge ganz links miteinander im Bunde? Was hat der da in der Hand? Ein Bündel Geldscheine? Und was denkt sich der Hutmann, welches Ziel steuert er an?

Ernst Hirsch in Hubschrauber bei Aufnahmen für einen Werbefilm für Planeta-Druckmaschinen, 1970, unbekannte:r Fotograf:in © Ernst Hirsch
Hirsch sammelte 400 Filmrollen mit 100 Jahren Stadtgeschichte
Gerade dies macht eben den besonderen Charme und kulturellen Wert der Film- und Fotosammlung von Ernst Hirsch aus: Die Bilder füllen trockene Geschichtsbücher mit Leben, machen aus Chroniken einst lebendige Menschen mit all ihren Hoffnungen, Ideen, Enttäuschungen und glücklichen Augenblicken, die wir zwar nur erahnen, aber doch zumindest sehen können. Nicht von ungefähr gilt die Hirsch-Kollektion als das „visuelle Gedächtnis“ der sächsischen Landeshauptstadt: Über 70 Jahre lang sammelte der 1936 in Dresden Geborene Filme und Fotos aus und über die Stadt zusammen, ergänzt um Nachrichten- und Dokumentarfilme, die er ab 1952 selbst gedreht hat – eine Bilderflut.
„Ernst Hirsch hat ein einzigartiges visuelles Gedächtnis Dresdens im Film geschaffen.“
Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch
„Ernst Hirsch hat mit seiner Themensetzung mittels Kamera ein einzigartiges visuelles Gedächtnis Dresdens im Film geschaffen“, meint Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke). „Seine Filme zeigen nicht nur bedeutende Ereignisse unserer Stadtgeschichte, sondern vor allem den Alltag der Menschen.“
Vom Kamera-Lehrling zum leidenschaftlichen Filmemacher und -sammler
Diesen Wandel erlebte der inzwischen 90-jährige Hirsch selbst: Als Teenager trat er seine Lehre als Kamerahersteller an dem Ort an, der heute ein Museum ist und an dem heute seine Bilder ausgestellt sind: „Ich bin als 14-jähriger Lehrling voller Ehrfurcht über das Malteserkreuz geschritten“, erinnert er sich Dekaden später an jenes Logo im Entree der Ernemann-Werke, das auch nach der Übernahme der Fabrik durch Zeiss Ikon, dann durch den VEB Pentacon und schließlich die Technischen Sammlungen Dresden im Fußboden erhalten blieb. „Die Ausbildung bei Pentacon bildete die Grundlage meiner beruflichen Entwicklung. Die Technischen Sammlungen sind für mich fast schon ein heiliger Ort.“
„Dass hier nun meine Filme und Filmkameras ausgestellt werden, empfinde ich als Vollendung meines Lebenswerks.“
Filmmacher und -sammler Ernst Hirsch
Als Vollendung seines Lebenswerkes sieht er daher die Sonderschau, die in eben diesem Technikmuseum und Wissenschaftszentrum an der Junghansstraße nun ihm gewidmet ist: Die Ausstellung „Universum Dresden. Der Filmemacher und Filmsammler Ernst Hirsch“ umfasst Filme, historische Kameras und andere Exponate aus der Hirsch-Sammlung, die die Kuratoren an 20 Stationen aufbereitet haben. An einer dieser Stationen können die Besucher eine Straßenbahn durch das Dresden der 1920er Jahre steuern und dabei Alltagsszenen beobachten.

Roland Schwarz. Foto: Heiko Weckbrodt
Filme zeigen nicht nur die Stadt, sondern auch die Perspektive im Wandel
„Die Ausstellung verbindet die Dresdner Stadt- mit der Filmgeschichte“, erklärt Museumsdirektor Roland Schwarz. „Es war uns wichtig, nachvollziehbar zu machen, dass sich in dem Jahrhundert, in dem die Filme der Sammlung Hirsch entstanden sind, nicht nur Gebäude, Verkehrsmittel und das Verhalten der Menschen in der Stadt verändert haben, sondern auch die Perspektiven von Filmemachern und ihren Auftraggebern.“
Slub hat bisher 50 von 400 Filmrollen digitalisiert – weitere folgen
Anlass der Sonderschau ist einerseits der 90. Geburtstag von Ernst Hirsch. Zum Anderen hatte Hirsch seine umfangreiche Film- und Gerätesammlung im Jahr 2025 an die Sächsische Landes- und Unibibliothek (Slub) sowie die Museen der Landeshauptstadt Dresden übergeben. Diese wollen nun demonstrieren, wie sie diese Kollektion öffentlich zugänglich machen. „Nachdem wir schon in der Pilotphase des Landesprogrammes Save mehr als 50 Filmrollen digital zugänglich machen konnten, erschließen und digitalisieren wir nun die gesamte Filmsammlung“, berichtet Slub-Generaldirektorin Katrin Stump. „Die Öffentlichkeit darf sich also auf weitere Hirsch-Highlights freuen.“
Kurzüberblick
- Sonderschau „Universum Dresden. Der Filmemacher und Filmsammler Ernst Hirsch“
- Wann? 9. Mai bis 25. Oktober 2026, jeweils dienstags bis freitags 9 bis 17 Uhr, samstags, sonntags 10 bis 18 Uhr
- Wo? Technische Sammlungen Dresden, Ecke Junghansstraße und Schandauer Straße
- Museums-Eintrittspreis: Erwachsene acht Euro, ermäßigt sechs Euro, Kinder bis sieben Jahre kommen gratis rein, freitags ab 12 Uhr Gratis-Eintritt für alle
- Mehr Infos im Netz: tsd.de/programm/ausstellungen/universum-dresden
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: TSD, Oiger-Archiv

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